Freitag, 29. April 2011

Philosophen in kurzen Hosen XXXXII

"Vielleicht bin ich der Harald Juhnke des Fußballs. Mit dem Unterschied, dass ich noch lebe."

(Uli Borowka, zitiert nach 11 Freunde)

(Foto gefunden auf und verlinkt mit: kult-kicker.de/)

Donnerstag, 28. April 2011

Lederstrumpf am Abgrund

Am 32. Spieltag der Fußball-Bundesliga herrscht Gewissheit. Wir müssen uns in dieser Saison wirklich nur noch ein einziges Mal mit einem gespreizten Spieltag herumärgern. Ansonsten: Ratlosigkeit, Verwirrtheit und Ziellosigkeit, wohin das Auge reicht. Die Spielzeit kommt in ein schwieriges Alter. Jeder, der Pippi Langstrumpf kennt, weiß ja, dass dreimaldrei unausweichlich Neune ist. Und mehr gibt es in dieser Saison nicht zu holen. Basta. Aber reicht das? Für die angestrebten Ziele? Sagen wir mal, für Meisterschaft, Champagner-Liga und den beliebten Cup der Verlierer? Und für den Klassenerhalt oder gar einen einstelligen Tabellenplatz? Gute Frage, nächste Frage.

Wenn am 32. Spieltag noch acht Mannschaften darum buhlen, auch in der nächsten Saison wieder mitspielen zu dürfen, dann hat die Liga alles richtig gemacht. Oder die Vereine  im Abstiegskampf vieles falsch. Oder so. Genau genommen sind ja sogar noch elf Mannschaften mit dem Taschenrechner im Deuser-Koffer unterwegs. Doch der barmherzige Chronist hat Freiburg (Tabellenachter, 9 Punkte Vorsprung, minus 1 Tor), Hoffenheim (9., 8 Punkte, plus 9 Tore) und Schalke (10., 8 Punkte, plus 7 Tore) mit einem Federstrich aus der Liste der Wehklagenden gestrichen. Zack. War einfach.

Doch vom Niemandsland bis in die Ödnis ist es oftmals nur ein Wimpernschlag. Werder Bremen (11., 6 Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz, minus 7 Tore) liegt nur zwei Punkte hinter Schalke, doch mit diesem Torverhältnis lässt sich schlecht Staat machen. Höchstens ein Stadtstaat. Aber das haben die Bremer ja längst hinter sich. Sollte also jetzt mit dem Klassenerhalt was werden. Am Freitagabend wird unter Flutlicht der ehedem stolze VfL Wolfsburg an der Weser niedergerungen, womit Werder stramme neun Punkte zwischen sich und den Gegner geschoben hat - das ist die Rettung! Punkt. Oder besser: Ausrufungszeichen. Ist sogar völlig schnurz, wie die anderen spielen. Die Wölfe überzeugten zuletzt so sehr, dass sich der einsame Sky-Reporter am Ostersonntag schier nicht mehr einkriegen wollte. Aber die Sache hatte ja einen entscheidenden Haken: Der Gegner kam aus Köln, spielte wie Fortuna, war aber doch nur der FC. Mag sein, dass Magath die Kurve dank ASP, ABS und DSL noch bekommt, aber nicht am Freitag. Werder - VW 2:1.

Der 1. FC Kaiserslautern liegt zwar als Zwölfter nur drei Punkte und minus sieben Tore hinter Schalke, aber eben auch nur fünf Punkte und drei mehr geschossene Tore bei gleicher Differenz vor dem VfL Wolfsburg auf dem beliebten Relegationsplatz. Trotzdem wähnt man sich in der Pfalz sicher. Was ja auch irgendwie stimmt, denn in dieser abgeschiedenen Region liegt der letzte Krieg ja schon 66 Jahre zurück. Den Auswärtssieg auf Schalke feierten die weinroten Teufel dann auch so euphorisch wie den vorzeitigen Erhalt der höchsten deutschen Spielklasse, in der die Schwefel-Freunde bekanntlich erst seit rund 350 Tagen wieder mitwirken dürfen. Trotzdem wähnt man sich in der Pfalz sicher. Schließlich kommt der FC St. Pauli als Gast zum zweiten Freitagsspiel auf den Berg, der einst ein furchterregender Betze war. Heute ist er das Fritz-Walter-Stadion. Und wer den Totenkopf im Banner sein Eigen nennt, hat ja schon ganz andere Trutzburgen geentert. Christian Tiffert meinte unlängst, wenn der FCK es jetzt nicht schaffe, gehöre man zu den Deppen der Nation. Eben. FCK - Pauli 0:2.

Der VfL 1900 Borussia Mönchengladbach (3 Punkte und minus 13 Tore Rückstand auf den Relegationsrang) hat in dieser Saison schon achtmal gewonnen. Darunter beim Tabellenzweiten in Leverkusen (6:3), als eine von lediglich vier Mannschaften gegen den Deutschen Meister (nur der BVB, 1:0) sowie gegen den Champions-League-Halbfinalisten und Königsklassen-Titelverteidiger-Rauswerfer Schalke 04 (2:1). Und beim Tabellensechsten 1. FC Nürnberg auch: Hoch mit 1:0. Jetzt reist der Mannschaftsbus der Gladbacher mit dem obligaten Pferdeanhänger zum Tabellendritten. Der fehlt ja noch auf der Liste. Bis Samstag, 17.17 Uhr. Hannover 96 - Gladbach 0:1.

Eintracht Frankfurt (2 Punkte Vorsprung, minus 4 Tore auf den Relegationsplatz) stand in dieser Saison noch auf keiner Liste. Außer auf der mit den am längsten auf ein eigenes Tor wartenden Mannschaft in der Rückrunde. Und auf der Wunschliste von Fußballlehrern mit den Vereinen, die man immer schon mal gerne trainieren wollte. Weil: Tradition! Und: Tradition! Und: Stadion! Und: Fans! Und: Hm. Christoph Daum wusste bestimmt, was er tat, als er am Main zusagte. Und Heribert Bruchhagen bestimmt auch, als er auf die fabelhafte Idee kam, den farblosen Michael Skibbe durch die sonnengegerbte Inkarnation von Hellmut Lange zu ersetzen. Doch wer 'A' sagt, muss bekanntlich auch 'B' sagen. Und das wird der Ostwestfale Bruchhagen auch tun, wenn er in drei Wochen sein Amt zur Verfügung stellt. Nur Christoph Daum hat das 'B' längst verweigert. Trotz Tradition! Und: Tradition! Und: Stadion! Und: Fans! In der 2. Liga kennen sich halt andere besser aus. Daums natürlicher Lebensraum ist aber Europa. Und der von Eintracht Frankfurt halt seit Jahren die Liga zwischen der höchsten und der zweithöchsten Spielklasse. Dumm nur, dass nach der 1. immer noch ziemlich direkt die 2. Liga kommt. Beruhigend, dass - endlich wieder ein Derby! - das Spiel Mainz gegen Frankfurt ungefähr ein so normales Spiel ist, wie Frankfurt gegen Offenbach. Mainz 05 - Eintracht 1:0.

Werbepause. Der Mobbing-Preis geht in dieser Woche an Volker Finke. Für unermüdliches Engagement beim Traditionsverein 1.FC Köln und die beste Frühlingsrolle rückwärts. Amen. Zurück zum Programm. Wo waren wir? Ach ja: Endlich wieder ein Derby! Der zu Hause bärenstarke 1.FC Köln geht mit seinem 63-jährigen Interimstrainer in das beliebte Duell mit dem rechtsrheinischen Nachbarn aus Leverkusen. Das ist die Stadt, die die Stadt Köln in den 70er Jahren ja mal flink eingemeinden wollte. Hat nicht geklappt. Jetzt soll der FC (3 Punkte, minus 13 Tore auf den begehrten Relegationsplatz) mal flink drei Punkte gegen Leverkusen einfahren, damit endlich Planungssicherheit besteht. Kommt bald, sind ja nur noch drei Spiele. FC - Bayer 04 1:4.

Derby wäre jetzt zuviel gesagt, aber wenn 1899 Hoffenheim gegen den VfB Stuttgart antritt, dann ist, nunja, zumeist ein wenig mehr Engagement im Spiel. Auf beiden Seiten. 48 Spieler (oder waren es 84?), die mal das Stuttgarter VfB-Leibchen trugen, kicken mittlerweile in Hoffenheim, mindestens. Weil sie mal eine andere Kultur und eine andere Sprache kennenlernen wollten - wie die meisten Fußballprofis, die ins Ausland wechseln. Geld wird eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Uwe Seeler würde sagen: Auch in Hoffenheim kann man ja nur dreimal am Tag warm essen. So. In Sinsheim gastiert jedenfalls der Ausbilder bei der Jugendabteilung - und braucht die Punkte viel dringender, weil der Abgrund nur 4 Punkte und plus 7 Tore entfernt recht herzhaft gähnt. Dürfte dem Dorfclub der Verschmähten ein Vergnügen sein: 1899 - VfB 2:1.

Im Topspiel am Samstagabend wird es langsam unheimlich mit dem Würfelglück der Programmierer eines in der Gastronomie populären Bezahlsenders aus München. Der FC Bayern München spielt gegen den FC Neuer 04. Im Block wehen endlich wieder die beliebten Koan-Schilder. Was auf Deutsch so viel heißt, wie "Herzlich willkommen, lieber Manuel Neuer, Du allerallerbester Torwart der Welt!". Und: "Danke, dass Du Dich nicht auf der Insel mit Pfundnoten überschütten lassen möchtest, weil Du Angst vor einen neuen Kultur und einer neuen Sprache hast!". Der ehemalige Rekordmeister ist ja längst wieder auf Kurs. Richtung Europa. Und alle Chefchen freuen sich schon heute wortreich auf spannende Auslandsreisen. Schließlich gibt es neue Kulturen und neue Sprachen kennenzulernen. Wann hat man als Münchner Fußballprofi schon mal die Gelegenheit, in Orte vorzudringen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat? Und Namen auszusprechen, in denen fünf Konsonanten aneinandergereiht werden? Eben. Im direkten Duell der Gebeutelten wird es also spannend und brisant. Schließlich geht's ja um nix. Bayern - Schalke 0:0.

Was vergessen? Huch, kleiner Faux-Pas. Deutscher Meister wird ja Dortmund (nur der BVB). Aber nicht am Samstag. Dortmund - Nürnberg 0:1.

Dienstag, 26. April 2011

Hab eine Pause


...hab ein KitKat.Und der Mitarbeiter in der Kantine suchte verzweifelt nach der richtigen Warengruppe für den Pausenfüller. Und ich habe bei der Antwort darauf  wieder ein prächtiges neues deutsches Wort gelernt: Riegelware.

(Handy-Blogpost: Thomas Ottensmann)

Immer meer, immer meer, immer meer

Drei Flossen für die Seele

Der Sonnenaufgang kann sich sehen lassen. Ist ja weiß Gott keine Seltenheit auf Teneriffa. Doch dieser Sonnenaufgang auf der größten Insel des kanarischen Archipels ist trotzdem etwas Besonderes. Es ist der Morgen nach den regenreichsten 24 Stunden seit über 500 Tagen. Machtlose Scheibenwischer auf höchster Stufe, überflutete Straßen, Wasserfälle aus Felsmassiven. Als müsse die Insel gleich kentern. 

Wirkt wie gestellt. War aber echt, live und in Farbe.

(Foto (c): Thomas Ottensmann)

Nichts geht mehr auf dem Eiland, das geographisch zu Spanien, aber meteorologisch zu Afrika gehört. Regen ist hier so ungewöhnlich, dass kaum jemand gewappnet ist. Schade für den Touristen - aber vor allem: schlechte Aussichten für den nächsten Tag. Zu nass, zu windig, zu unsicher. Dabei sollte es der Höhepunkt der Reise werden. Mit dem Katamaran raus auf den Atlantik, Richtung La Gomera - dieser wohl urwüchsigsten kanarischen Insel. Und dann mit etwas Geduld und Spucke: Wale und Delfine sehen!

Es ist diese eine Stelle zwischen Teneriffa und La Gomera, diese 9000 Meter tiefe Meeresspalte, die Wale und Delfine offenbar magisch anzieht. Sie fühlen sich so wohl, dass sie hier ihren Nachwuchs großziehen. Denn dort unten, in dieser Meerestiefe, haben diese großen Säuger quasi ihre nasse Vorratskammer, die praktisch immer mit ihrer Lieblingsspeise gefüllt ist: frische Riesenkraken. Deswegen kommen auch regelmäßig alle
Teneriffa, wie man es aus
dem
Prospekt kennt.


(Foto (c): Thomas Ottensmann)
Verwandten dieser Grindwale zu Besuch. Der Atlantik zwischen Teneriffa und La Gomera gilt nicht umsonst als Meeresregion mit der weltweit größten Artenvielfalt von Walen und Delfinen.

Was Wunder, dass der Massentourismus vor den Kanaren das „Whale Watching“ als Einnahmequelle entdeckt hat. Lange Zeit stand die kommerzielle Beobachtung der großen Meeressäuger vor Teneriffa in der Kritik von Umweltschützern und Meeresbiologen. Im Übrigen völlig zu Recht. Mit hunderten feierwütiger Touristen an Bord fuhren sie früher auf zig Motorbooten mit mehr Sangria als Diesel an Deck quasi im Stundentakt raus - und dann mitten in die erspähten Walfamilien hinein. Ein Horror, der für die sensiblen Tiere nicht selten mit Verstümmelung oder Tod endete. Doch diese Zeiten, die deutlich mehr an die unseligen Zeiten des Walfangs als an Walbeobachtung erinnerten, scheinen so langsam der Vergangenheit anzugehören.

Mittlerweile bieten vor allem große Touristik-Unternehmen wie  beispielsweise die TUI nachhaltigen Tourismus, der nur folgerichtig in der Gründung der gemeinnnützigen Initiative Futouris e.V. mündete. Dieser Verein hat sich Umwelt- und Klimaschutz ebenso auf die Fahnen geschrieben wie den Erhalt der biologischen Vielfalt. Soziokulturelle Verantwortung schreibt die TUI jetzt groß. Und nicht nur, weil es ein Hauptwort ist.
Marèn Bökamp ist Meeresbiologin.
Sie beobachtet Wale und Delfine beruflich.


 (Foto (c): Thomas Ottensmann)

Nun fahren also Meeresbiologen mit Katamaranen zu den Walen raus – und nehmen bei der Gelegenheit einfach ein paar Touristen mit. „Ihr habt Glück mit dem Wetter“, sagt Marèn Bökamp, die eigentlich in Oldenburg arbeitet.
Sie ist neben Maria del Mar Cañado die zweite Wissenschaftlerin, die bei Futouris vor Ort mit der Erforschung der Meeressäuger beschäftigt ist. Die Tiere werden beobachtet und anhand ihrer Rückenflossen katalogisiert. „Man kann die einzelnen Tiere wirklich gut erkennen. Keine Rückenflosse ist wie die andere. Die eine hat Narben oder Bisswunden, die andere eine rundlichere Form – das ist wirklich, wie bei uns der Fingerabdruck, ganz unverwechselbar“, erklärt Marèn Bökamp unterwegs.

Denn es geht also doch noch raus auf den Atlantik. Der Wellengang ist moderat, vor der Küste Teneriffas liegt im Wolkennebel ein gigantischer Regenbogen. Wirkt wie arrangiert für die Augen der geneigten Beobachter. Dann ein Ausruf: Delfine. In ein paar hundert Metern Entfernung. Auf dem Katamaran sind wohl fünfzig Menschen an Bord, aber es wird ganz leise. Der Motor ist längst aus, die Segel eingeholt. Kommunikation im Flüstermodus. Erwartungsvolle Stille.
Magischer Moment:
Drei Flossen
für die Seele.


(Foto (c): Thomas Ottensmann)
Und dann sind sie auf einmal wirklich da. Erst eine Rückenflosse, dann zwei, dann drei. Aufgetaucht aus glitzerndem Nichts. Aber keine Define, es sind Wale! Sie schwimmen zusammen, ganz langsam, dicht neben dem Boot. Drei Jungtiere, die, wie Marèn Bökamp flüstert, „Mittagspause haben und ganz entspannt ein bisschen spielen.“ Und die dieser komische Katamaran dann doch so interessiert hat, dass sie die 500 Meter mal eben herübergeschwommen sind. Denn Wale sind – genauso wie Delfine, die heute offenbar ihren freien Tag haben und sich gar nicht blicken lassen – interessiert geboren. Man könnte auch sagen: neugierig.

Und das ist der Schlüssel des sanften Whale-Watchings. Man fährt raus, ist leise und wartet, ob die Tiere heute Lust haben und zum Menschen-Gucken kommen wollen. Unsere drei Teenager mit Flosse wollten. Sie begleiten das Boot für eine ganze Weile. Sieben, acht Minuten. In wenigen Metern Entfernung umrunden sie den Katamaran, bis – so scheint es - alle Menschen ihre Fotos endlich im Kasten haben. Dann tauchen sie wieder ab und hinterlassen an Bord verklärte Gesichter und verzauberte Seelen - ganz nachhaltig.

Montag, 25. April 2011

Hasenfest II


Ende.

(Handy-Blogpost: Thomas Ottensmann)

Fünf ist Trümpf

Nach dem 31. Spieltag der Fußball-Bundesliga ist zumindest eins klar: Die Breite an der Spitze ist dichter geworden. Auch wenn Berti Vogts nicht in den Stadien gesichtet wurde, ist zumindest deutlich geworden, dass man auch im Fußball einfach mal Fünfe gerade sein lassen sollte. Beispiel Dortmund: Der Deutsche Meister (nur der BVB) liegt nach der 0:1-Niederlage in Gladbach nur noch fünf Punkte vor dem Vizemeister der Herzen aus Leverkusen und fragt sich und seine 80 Millionen Fans bang: Wie jetzt? Und: Was war denn da los?

Offenbar durch die geplatzte Aussicht auf den vorzeitigen Meisterwalzer meisterlich gehemmt, trabten die Schwarz-Gelben recht schaumgebremst durch den Borussia-Park. Gladbach reichte das eine, zugegeben schöne Tor nach 35 Minuten, um drei Punkte für die erste Liga zu holen und zum ersten Mal seit Menschengedenken wieder den letzten Tabellenplatz zu verlassen. Doch zählt man die hochkarätigen Torchancen zusammen, dann führte Gladbach auch hier mit 3:2. Nicht mal gänzlich unverdient, dieser Sieg. Schon klar, wenn Götze nach 24 Sekunden den Kopfball nicht auf, sondern unter die Latte setzt, läuft dieses Spiel ganz anders. Aber Meister muss der Deutsche Meister (nur der BVB) halt anderswo als im Borussia-Park in Mönchengladbach werden. Sagen wir mal im ehemaligen Westfalenstadion, dass längst den Namen einer Versicherungsgruppe trägt.

Der TSV Bayer 04 Leverkusen hatte auch seine liebe Müh und Not. Zuhause. Gegen Hoffenheim. Nach 0:1-Rückstand gewann die Werkself aber schließlich doch noch mit 2:1 und verdarb 20.000 BVB-Fans den Spaß vor dem Abendspiel. Fünf Punkte beträgt der Abstand auf den Spitzenreiter jetzt wieder, bei noch neun auszuspielenden Punkten. Sieben Punkte Vorsprung vor Hannover 96, dem angestammten Tabellendritten dieser Saison, hat der angestammte Vizemeister. Da brennt nichts mehr an in Sachen Champagner-Liga. Und in der kommenden Woche kann Leverkusen als bestes Auswärtsteam der Liga den 1.FC Köln eindrucksvoll davon überzeugen, dass Heimstärke eine, nunja, relative Größe ist.

Wo war ich? Köln? Unfassbar, dass eine solche Mannschaft deutlich über dem Strich steht. In Wolfsburg gingen die Rotleibchen mit 1:4 baden und dokumentierten mal wieder eindrucksvoll, dass auswärts kein Punkt zu holen ist. Aber wie soll diese Mannschaft denn zu Hause (gegen Leverkusen und Schalke) noch irgendwas holen? Weiß niemand. Auch nicht Frank Schaefer, der Noch-Trainer, der sagte, man dürfe jetzt nicht "die Nerven verlieren". Hm. Schon passiert. Der FC liegt nur noch drei Punkte vor dem Relegationsrang, auf dem immer noch ein VW quer parkt.

Wer Köln sagt, muss auch immer noch Daum sagen. Der Fußball-Lehrer hatte - nachdem er in seinem Hotel am Main kurz zuvor noch von Tradition und Champions League faselte - in der Woche schon seinen Abschied aus Frankfurt vorbereitet, in dem er darauf verwies, dass die 2. Liga besondere Eigenheiten habe und dass es dafür geeignetere Trainer gebe. Schön formuliert. Hätte auch sagen können: Auf die 2. Liga habe ich keinen Bock, das tue ich mir nicht an. Hat er ja auch irgendwie. Deutlich wurde aber mal wieder, dass Daum immer dann zur Höchstform aufläuft, wenn der Gegner Bayern München heißt. 1:1 hieß es gegen den ehemaligen Rekordmeister und ehemaligen Rekordpokalsieger und ehemaligen Rekord-Europapokalsieger aus deutschen Landen. Bayern kam mit seiner "Anarchie" (Marcel Reif) nicht zum Erfolg, musste vielmehr von Glück reden, dass überhaupt noch der Ausgleich gelang. Und dass Theofanis Gekas aus zwei Metern nicht ins verwaiste Tor traf. Wüsste man es nicht irgendwie besser, müsste man sich fast fragen, was der Grieche eigentlich beruflich macht. Frankfurt hat fünf Punkte vor dem ersten Abstiegsrang, auf dem jetzt noch Gladbach steht. Ungerade Zahlen sind in Zeiten der Drei-Punkte-Regelung aber gefährlich.

Apropos: Fünf Punkte beträgt der Abstand des Zweitligisten 1. FC Kaiserslautern vor dem Relegationsrang. Die weinroten Teufel gewannen auf Schalke mit 1:0 und wähnen sich nun in Sicherheit. Christian Tiffert meinte, wenn sie es jetzt nicht schafften, seien sie wohl "die Deppen der Nation". Hm. Stimmt.

Gerade Zahlen, die unter zehn liegen, sind in Zeiten der Drei-Punkte-Regelung bei noch drei ausstehenden Spielen nicht ungefährlich. Stuttgart gewann mit 3:0 gegen die Wundertüte HSV und hat nun vier Punkte Vorsprung auf den Relegationsplatz. Cacau lag nach Aussage von VfB-Coach Labbadia "schon fast auf dem OP-Tisch", hüpfte aber fitgespritzt noch mal flugs runter und schoß mit zwei lädierten Adduktoren zwei Tore. Das nennt man Einsatz. Oder Unvernunft.

Gerettet wähnt sich nach dem 3:1-Sieg auf St.Pauli auch der SV Werder Bremen mit sechs Punkten Vorsprung auf Platz 16. Nur würde das im hohen Norden ja niemand so sagen oder gar zugeben. Denn es sind ja auch minus sieben Tore, die da gegenüber VW zu Buche stehen. Und - wir erinnern uns an den 1.FC Nürnberg und Eintracht Frankfurt - da ist die Messe noch nicht gelesen.

Acht Mannschaften sind also noch in der Lostrommel, wenn es um die beliebten beiden Abstiegsplätze und den so begehrten Relegationsrang geht, der für die beiden Ausscheidungsspiele am 19. und 25. Mai (jeweils 20.30 Uhr) gegen den VfL Bochum berechtigt.

Noch was vergessen? Ach so. Gründonnerstag gewann Hannover 96 bei unlustigen Freiburgern mit 3:1 und schickt sich also wirklich an, das Abenteuer der großen Gelddruckliga anzunehmen. Im Duell um Europa verfielen dagegen Nürnberg und Mainz am Ostersonntag in Sommerfußball. Lange Zeit passierte nix, ehe 05-Keeper Wetklo in der 91. Minute den Ball mit den Fingerspitzen außerhalb des Strafraumecks ins Aus beförderte. Folgenlos. Muss man sich fast fragen, was der Linienrichter, der ja längst Schiedsrichter-Assistent heißt, eigentlich beruflich macht. Torloses Remis. Mit dem Effekt, dass es beim knappen Zwei-Punkte-Vorsprung der ambitionierten Rheinhessen vor den ambitionierten Franken bleibt. Und zwei Punkte sind in Zeiten der Drei-Punkte-Regelung bei noch drei ausstehenden Spielen nicht viel. Sagte ich bereits. Tschuldigung.

Sonst noch? Horst Heldt? Saß bei der 0:1-Niederlage nicht immer auf seinem Platz. Musste zwischendurch immer mal kurz ins Büro. Eine durchziehen und den Taschenrechner noch mal anwerfen, weil immer noch nicht klar ist, ob er den Bayern für die vorzeitige Freigabe Manuel Neuers jetzt 20, 21 oder 22 Millionen abknöpfen soll.

Donnerstag, 21. April 2011

Bentley in der Tiefgarage

(hai) Der 31. Spieltag zeichnet sich ja unter anderem dadurch aus, dass es der viertletzte dieser 48. Spielzeit in der allseits geschätzten  Fußball-Bundesliga ist. Und diesen Viertletzten gibt es 2011 nur ein einziges Mal. Wir sollten also behutsam mit diesem Unikat umgehen.

Am Vorabend des höchsten Feiertags aller reformierten Christen begegnen sich - ganz vorsichtig - der SC Freiburg und Hannover 96. Beide Klubs hatten alle auf dem Zettel. Als es vor der Saison um die beiden Absteiger ging. Da sich der Fußball aber unter anderem auch dadurch auszeichnet, dass man vorher nicht weiß, wie es hinterher ausgeht, drehen Robin Dutt, der Kölner im Breisgau, und Mirko Slomka, der Hannoveraner in Hannover, in dieser Saison allen eine lange Nase. Mit ansehnlichem Konzeptfußball haben sich sowohl Freiburg als auch Hannover längst gerettet. Doch damit nicht genug: Während Freiburg lange Zeit um einen europäischen Starterplatz mitkickte, ist Hannover immer noch im Rennen um die große Gelddruckliga, die ungeliebte kleinere Variante dürfte bei acht Punkten Vorsprung längst in der weinrot-goldenen Tasche stecken. Hannover hat den Norweger Abdellaoue und den Ivorer Ya Konan, Freiburg hat Cissè. Hm. Freiburg - Hannover 1:2.

Der FC Bayern München reist ganz vorsichtig nach Frankfurt und kann sich 41 Stunden lang wieder mit dem bei Sportlern so unbeliebten vierten Platz anfreunden. 27 Tore Vorsprung zählen halt weniger als zwei Punkte Rückstand. Und dann auch noch gegen Daum! Tschuldigung. Und dann auch noch gegen Frankfurt! Wäre nicht das erste Mal, dass die Bayern im ehemaligen Waldstadion, das selbstredend längst wie ein Geldinstitut heißt, das mal grün war und längst gelb ist, verlören. Wo war ich? Ach ja, München spielt nicht ausgesprochen gern in Frankfurt. Genauso wenig wie gegen Daum. Hat das irgendeine Bedeutung auf dem Platz? Nö. Frankfurt - Bayern 1:3.

Neuerdings geben Fußballer ja sogar Pressekonferenzen, wenn sie ihren Vertrag bei ihrem Stammverein nicht verlängern. Und Sender, die alles senden, was nicht niet- und nagelfest ist, übertragen dann (Breaking News!) live. Was nicht heißen soll, dass es nicht unterhaltsam gewesen wäre. Zum einen wird immer deutlicher, dass sich die Frage nach den Inhalten der derzeitigen Tätigkeit von Horst Heldt erledigt zu haben scheint. Er spricht. Zum anderen überzeugte der Ex-Ultra und Ex-Schalker Manuel Neuer bei der in n-tv live übertragenen Gesprächsrunde mit dem Bonmot, dass ihn Horst Heldt über eine Anfrage des FC Bayern München unterrichtet habe. Es ist davon auszugehen, dass der Nationalkeeper aus allen Wolken gefallen ist. Aber Profikicker ergeben sich ja gerne mal in ihr Schicksal, auch außerhalb des Platzes. So wohl auch der Buerschenschaftler: Jetzt verhandeln halt die Vereine. Er kann daran nichts ändern. Sos Fusball! Apropos: Gekickt wird in der Arena am Tag drei nach den endlich öffentlich gemachten Wechselabsichten des in München so unbeliebten besten Torwarts der Welt auch noch. Der Gegner ist Zweitligaaufsteiger 1. FC Kaiserslautern, der seltsamerweise fünf Punkte und zwei Tore Vorsprung auf den Relegationsplatz hat. Kann passieren, wenn man dreimal hintereinander gewinnt. Aber irgendwann ist auch mal gut gewesen. Schalke - FCK 4:0.

Bayer 04 Leverkusen hatte beim Gastspiel in München die mentale Verfassung eines Handmixers. Ohne handelsüblichen Handmixern an dieser Stelle Unrecht tun zu wollen. Ein Hoch auf die Handmixer! Was würden wir ohne sie tun? Die Frage ist bei Bayer 04 schnell beantwortet: Wird halt mal wieder ein anderer Zweiter. Zwar hatte Erik Meijer nicht gänzlich Unrecht, als er behauptete, dass nichts scheißer sei, als der zweite Platz hinter einem Gewinner. Doch in Leverkusen hat man längst Frieden mit diesem Murphyschen Gesetz geschlossen. Platz 2 ist bares Geld wert. Champions League, das Kanonenfutter kommt zurück! Leverkusen - 1899 1:0.

Der VfB Stuttgart spielt ganz gerne mal zu Hause. Gegen Gladbach gewannen die mit Punkten recht sparsamen Schwaben mit 7:0. Aber der VfB Stuttgart spielt ungern zu Hause, wo sie von den eigenen Fans gerne mal ins offene Messer getrieben werden. Gegen den Zweitligisten Kaiserslautern gab es letztens nach einem 2:1-Vorsprung noch eine deftige 2:4-Backpfeife. Gegen den HSV kann das nicht passieren. Apropos HSV: Erstaunlich, dass beim Hamburger Chaos-Club mal jemand auf Uwe Seeler hört. Der lobte Michael Oenning für seine mutige Art, Fußball spielen zu lassen. Das reichte, um einen der talentiertesten Nachwuchstrainer aus dem Interimsstuhl auf den Chefsessel zu hieven. War aber auch überzeugend! Ein Trainer, der seine Mannschaft Fußball (!) spielen (!!) lässt (!!!). Der VfB Stuttgart muss also keine Angst vor einer erneuten Backpfeife haben. Wird nur ne Ohrfeige: VfB - HSV 0:2.

Der FC St. Pauli. Punkt. Hat Verletzungspech. Verliert seinen Untergrundkämpfer Holger Stanislawski an Neureiche aus Süddeutschland. Hätte ich mal prognostizieren sollen. Hätte mir die Chefredaktion schön um die Ohren gehauen. Und womit? Eben. Nunja, der FC St. Pauli. Punkt. Hat Verletzungspech ohne Ende. Hat Aufstellungssorgen. Hat aber kein Geisterspiel vor der Brust. Es reist der beliebte Nordklub SV Werder Bremen an. Beliebt in der Republik, in der Freien und Hansestadt St. Pauli, ähem, eher nicht. Tut aber nix zur Sache. St. Pauli braucht die Punkte dringender, um seinem weinenden Trainer die nächsten Salztropfen aus den Tränensäcken zu treiben. Und den VW in die Tiefgarage zu schieben. Pauli - Bremen 2:1.

Die hochprofessionellen Macher des Bezahl-Fußballsenders hatten Würfelglück: Im Topspiel am Samstagabend stehen sich zwei Mannschaften gegenüber, die lustigerweise über denselben Vornamen verfügen. Umso erstaunlicher, weil jeder Klardenkende weiß, dass es ja nur eine Borussia gibt. Der Deutsche Meister (nur der BVB) reist in den Borussia-Park, der selbstredend in Gladbach steht, weil in Dortmund ja ein Versicherungs-Stadion rumlungert. Dortmund hat 43 Punkte und 65 Tore Vorsprung auf die Fohlen. Gladbach muss punkten, um den Abstand zu verringern. Warum eigentlich nicht? Borussia - BVB 3:2.

Sonst noch? Wenn alle Schoko-Eier im Garten suchen, muss Felix Magath seinen VW anlassen, um zum Heimspiel gegen die Auswärtsmacht 1.FC Köln zu fahren. VW? Na klar, sein Bentley steht ja immer noch mit Preisschild im Schaufenster. Wo er übrigens im Juni mit Nachlass zu haben sein wird. Wo war ich? Ach so: Auswärtsmacht 1.FC Köln. Macht? Ja, macht nix: Köln verliert ja jedes Auswärtsspiel, gerne auch mal hoch (2:6 in Hamburg, 1:5 in Gladbach, um nur die letzten beiden Auftritte des Zweitligisten zu dokumentieren). Der lustige FC konnte das aber bislang durch eine mysteriöse Serie von Heimsiegen wieder ausgleichen. Klarer Fall für Akte X. Köln muss aber in Wolfsburg immer noch auf Fox Mulder (Leistungszerrung) verzichten, zudem hat sich Nachwuchstrainer Frank Schaefer angewidert vom Profigeschäft verabschiedet. Wird einen Motivationsschub geben. Ganz bestimmt.  Wolfsburg - Köln 1:1.

Zum Abschluss des Spieltages gehen der 1.FC Nürnberg und Mainz 05 behutsam aufeinander los. Gut, ist jetzt nicht direkt das El Cassico der Bundesliga, aber die Tabelle lügt ja nicht (drei Euro fürs Phrasenferkel). Beide Klubs hatten alle auf dem Zettel. Als es vor der Saison um die beiden Absteiger ging. Da sich der Fußball aber unter anderem auch dadurch auszeichnet, dass man ja vorher nicht weiß, wie es hinterher ausgeht, duellieren sich hier der Fünfte und der Sechste. Getrennt durch zwei Punkte und ein Tor. Riecht es hier nicht nach Unentschieden? Sehr wohl. Nürnberg - Mainz 2:2.

Dienstag, 19. April 2011

Philosophen in kurzen Hosen XXXXI

"Da habe ich mich vertan."
(Arturo Vidal, chilenischer Kicker von Bayer 04 Leverkusen, nach seinem Fehlpass per Hacke, der postwendend zum 0:2 beim 1:5 in München führte.)

(Handy-Fotto der zugehörigen Meldung in der Süddeutschen Zeitung vom 19.April 2011: Thomas Ottensmann)

Montag, 18. April 2011

Vorhang zu und alle Fragen offen

30. Spieltag der Fußball-Bundesliga. Und so sehen wir betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen. Von den wenigen Antworten mal abgesehen, die ohnehin schon länger auf der Hand liegen. Bayer 04 Leverkusen reist offenbar wirklich nur nach München, um devot "Servus" zu flüstern und artig drei Punkte im Geschenkpapier zu überreichen. Der FC Bayern musste sich bei dem Duell gegen den ewigen Vizemeister in einem flotten Trainingsspiel gegen einen Bayernligisten wähnen. Mit dem 5:1, das gut und gerne auch ein 6:1 oder 7:1 hätte werden können, haben sich die Bayern offenbar auch ein wenig Frust aus den Leibchen geschossen.

Aber wenn die Binse stimmt, das man lediglich so gut kicken kann, wie es der Gegner zulässt - drei Euro für's Phrasenferkel - dann war der Bayernpower am Sonntag eben Tür und Tor geöffnet. Gegenwehr? Fehlanzeige. Ballack als aggressive Leader? Gelächter. So darf sich ein Anwärter auf die Champagner-Liga nicht präsentieren. Als beste Auswärtsmannschaft mit dem besten Sturm gekommen, als geprügelte Schülermannschaft zurück ins Rheinland. Viele vermeintliche Experten meinen, das Bayern-Trauma von Bayer 04 sei reine Kopfsache. Vielleicht hilft Abschrauben?

Deutscher Meister - aufmerksame Leser wissen das seit langem - wird übrigens nur der BVB. Theorie ist grau, Euphorie ist schwarz-gelb. Zwölf Punkte kann Dortmund jetzt noch holen, 81 Zähler wären das dann nach 34 Spieltagen. Aber zwölf Punkte braucht man voraussichtlich ja gar nicht mehr. Insgesamt vier Gelegenheiten liefert der Bundesliga-Spielplan dem sechsmaligen Deutschen Meister nun auf dem Silbertablett, um die begehrte Meisterschale schon vorzeitig an den Borsigplatz zu holen. Viele meinen, dass schon der erste Matchpoint zum siebten Titel reichen könne. Aber weit gefehlt. Denn Mönchengladbach wird zwar völlig unnötigerweise in die 2. Liga gehen, aber sich im internen Duell zwischen der großen und der kleinen Borussia wohl kaum die Punkte abknöpfen lassen. Und wenn es die letzte Kraftanstrengung des VfL in dieser Saison ist. Das am Samstag um 18.30 Uhr als Top-Spiel ausgetragene Duell steigt passenderweise im Borussia-Park, der bekanntlich am Niederrhein steht. Wo sonst?

Erleichterung an der Leine. Schließlich nahm Mirko Slomka nach dem hochklassigen 0:0 in Hamburg zur Kenntnis, das seine 96er sich nun nur noch darauf kaprizieren müssen, den komfortablen Sechspunkte-Vorsprung vor Mainz 05 zu verteidigen, um im nächsten Jahr Europa League spielen zu dürfen. Die große Gelddruckliga war dem an dieser Stelle erstaunlich realistischen Fußball-Lehrer ja ohnehin nie geheuer. Aber Realismus gehört in der Fußball-Bundesliga zu den bedrohten Eigenheiten. Und Mirko Slomka auf die Rote Liste der bedrohten Trainerarten. So. Wäre das auch endlich mal geklärt.

Apropos Rote Liste: Felix Magath hat bei seiner Mannschaft lebensbedrohliche Mangelerscheinungen diagnostiziert: Es fehle "Mannschaftsgeist", "Geschlossenheit" und "Wille" - lustigerweise allesamt Eigenschaften, die im Abstiegskampf recht gut Verwendung fänden. Schlimmer noch: Der Fußball-Mogul hat mittlerweile auch selbst realisiert, dass er wohl kaum Bentley fahren wird. Weil er eine Elf übernommen hat, die genau genommen gar keine Mannschaft ist, sondern ein blutarmes, lebloses Gebilde aus Individualisten, Egoisten und Einzelkämpfern. Das 2:2 gegen den FC St. Pauli gehört zu den glücklichsten Unentschieden seit es Schokolade gibt. Ein Punkt - drei Euro für's Phrasenferkel - der wirklich gar keinem hilft.

Noch nicht mal dem Schlusslicht, das selbst mal wieder nach einem 5:1-Hurra-Sieg eine komische 0:1-Pleite anschloss. Nicht gegebener Elfmeter? Unnötige Gelb-Rote-Karte? Tut ja nix zur Sache. Wenn Gladbach in Mainz zwei Tore vorlegt, dann sind Sonntagsschüsse in der 88. Minute und Platzverweise wegen Dummheit ebenso irrelevant wie ausgefallene Elfmeter. Aber egal. In der nächsten Saison fahren die Fohlen zum Derby eben nicht mehr nach Köln, sondern nach Aachen. Ins Ruhrgebiet geht es nicht mehr nach Dortmund oder Schalke, sondern nach Duisburg und Bochum und in die Provinz nicht mehr nach Sinsheim und Kaiserslautern, sondern nach Cottbus und Paderborn. Soll keiner sagen, man habe nicht gewusst, wie schlimm das im Unterhaus wirklich ist. Und hier noch schnell die Anstoßzeiten der 2. Liga zum Mitschreiben: Freitag 18 Uhr, Samstag 13 Uhr, Sonntag 13.30 Uhr, Montag 20.15 Uhr.

Christoph Daum, der bekanntlich besonders gerne Biographien von berühmten Persönlichkeiten liest, zitierte am Samstag einfach mal Winston Churchill, um zu dokumentieren, was er von seiner Mannschaft nach der unnötigen 0:1-Niederlage bei 1899 Hoffenheim jetzt erwartet: "Never give up." Warum auch, wenn Gladbach verliert und sich Wolfsburg und St. Pauli gegenseitig die Punkte abknöpfen? Die Eintracht hat vier Punkte Vorsprung vor dem Relegationsplatz und ein einfaches Heimspiel vor der Brust: Bayern München kommt - leider noch ohne den neuen Trainer Jupp Heynckes. Wenn Christoph Daum es allerdings mit den Inhalten von Trainingslehre und Taktikschule ähnlich genau nimmt wie mit Zitaten, dann wird es doch noch einmal eng für die Hessen. Winston Churchill sagte 1941 dies: "Never give in. Never give in. Never, never, never, never - in nothing, great or small, large or petty - never give in, except to convictions of honor and good sense."

Well, anything forgotten? Oh, yes: Köln kann doch nicht nur auswärts verlieren, sondern ebenso zünftig zu Hause. War nur lange Zeit in Vergessenheit geraten. Gegen den VfB Stuttgart gabe es eine fulminante 1:3-Schlappe, die den FC jetzt auch wieder in die Lostrommel mit der Aufschrift "Abstieg" schupst. Sind zwar sechs Punkte bis zur Klippe. Aber gegen wen sollen die Kölner in dieser Form denn bitteschön noch einen Punkt holen? Eben.

Nur ein Törchen besser als der ewige Geißbock steht Werder Bremen da, das es nicht schaffte, deutlich verbesserte Schalker in die Schranken zu weisen. 1:1 war leistungsgerecht, obwohl 3:3 sicherlich leistungsgerechter gewesen wäre. Apropos: Leistungsgerechter wäre auch ein 3:0-Sieg des 1. FC Nürnberg gewesen beim Gastspiel auf dem Betzenberg, der mit Vornamen bekanntlich Fritz heißt. Doch es wurde nur ein kümmerliches 2:0 gegen weinrote Teufel, die sich stets bemühten, den Anforderungen an die 1. Liga gerecht zu werden. Der FCK hat mit 34 Punkten auch das rettende Ufer noch nicht erreicht, denn fünf Punkte und zwei Tore sind ein gefährliches Polster, das mit zwei Siegen in Windeseile egalisiert ist.

Freitag, 15. April 2011

Fünf Schritte zum Glück

Der 30. Spieltag der Fußball-Bundesliga wirft wieder Fragen auf, von denen zumindest die Wichtigste schon mal klar beantwortet werden kann: Ja, es sind wirklich nur noch fünf Spiele. Das findet der Deutsche Meister Borussia Dortmund (nur der BVB) beruhigend. Monatelang ist jetzt darüber spekuliert worden, wann den Schwarz-Gelben bei ihrem Hochgeschwindigkeits-Fußball mal die Puste ausgeht. Ausgerechnet in der Schlussphase einer zugegeben atemberaubenden Dortmunder Saison scheint dieser Zeitpunkt jetzt gekommen.

Fünf Punkte Vorsprung auf den TSV Bayer 04 Vizekusen könnten reichen. Oder auch nicht. Der BVB erwartet am Sonntag um 17.30 Uhr zum Abschluss des Spieltages vor 80.000 gegen den SC Sorglos aus Freiburg. Die Horde aus dem Blackwood Forest hat die 40er-Hürde locker genommen und plant gerade für eine weitere Erstligasaison. Es geht also um nichts mehr. Eigentlich. Uneigentlich möchte der SC jetzt auch die Schokostreusel auf dem Milchschaum: Vier Punkte trennen die Bande um Robin Dutt noch vom fünften Rang und dem Startplatz in der kleinen Gelddruckliga. Da geht vielleicht noch was. BVB - Freiburg 1:1.

Wer erinnert sich noch an das Jahr 1989? Mauerfall. Massaker auf dem Platz des himmlischen Friedens. Richard von Weizsäcker wird zum zweiten Mal zum Bundespräsidenten gewählt. Bayer 04 Leverkusen gewinnt beim späteren Deutschen Meister Bayern München. Zum bislang letzten Mal. Heute sagt Jupp Heynckes, dass Statistiken lediglich dazu da seien, weggefegt zu werden. Die Frage sei erlaubt: Mit welchem Besen? Wer Bayer 04 gegen den FC St. Pauli kicken sah, hat leise Zweifel an der vollmundigen Ankündigung eines 2:1-Sieges der Werkself in der Höhle des Löwen mit Zahnweh. Bayern ohne Vollpfosten Robben? Ging eigentlich noch nie so richtig gut. Warum gerade am Sonntag ab 15.30 Uhr? Vielleicht weil der Gegner Leverkusen heißt. Bayern - Bayer 2:1.

Was vergessen? Ach ja, das Wochenende fängt am Freitagabend an. Borussia Mönchengladbach hat sich bekanntlich mit dem 5:1 gegen den 1.FC Köln gerettet. Gefühlt. Hilfreich wäre aber, wenn der VfL den 18. Tabellenplatz dazu auch mal verlassen würde. Den DFB-Funktionären ist schließlich ohne weiteres zuzutrauen, dass Gladbach sonst nach dem 34. Spieltag trotzdem in die 2. Liga strafversetzt wird. Aber die Borussia scheint mit einem Gewicht an den Füßen fest auf dem 18. Platz verankert. Seit etwa sieben Jahren. Gefühlt. Die älteren Fohlenfreunde werden sich noch erinnern können, wann Gladbach anderswo stand. Muss vor dem 20. November 2010 gewesen sein. Denn seither blinkt Gladbach permanent als Schlusslicht der Liga. Lustigerweise gab es damals eine zur Abwechslung mal völlig überflüssige 2:3-Schlappe gegen Mainz 05 - nach 2:1-Führung.

Am Freitagabend reist die Elf vom Niederrhein lustigerweise nach Mainz. Alpha und Omega. Es ist im Übrigen die letzte Reise an den rheinhessischen Bruchweg, der in Bälde seinem Namen alle Ehre macht. In der nächsten Saison spielt Mainz 05 ja bekanntlich in seinem niegelnagelneuen Schmuckkästchen, am liebsten in der Europa League. Dazu müssten die 05er aber noch Punkte holen, am besten drei. Gladbach kann mit einem Sieg erstmals seit fast einem halben Jahr Platz 18 verlassen und für knapp 20 Stunden auf den Relegationsplatz springen. Das Schöne an Geschichte ist, dass sie sich manchmal eben doch wiederholt: Mainz - Gladbach 2:3.

Am Samstag um 15.30 Uhr kommt es endlich mal wieder zu einem Nordderby: Großer HSV gegen kleiner HSV. Wer ist wer? Tja. In dieser Saison liegen die Niedersachsen vor den Hanseaten. Deutlich. Aber Michael Oennings HSV hat mit Armin Vehs HSV nicht mehr viel gemein, außer die Spieler. Hamburg will noch mit Macht in die Geldränge, Hannover ist längst da. Und will das hingehauchte Pünktchen Vorsprung vor den Bayern ins Ziel retten. Unentschieden? Nö. HSV - 96 4:3.

Wolfsburg gegen St. Pauli hört sich an wie Reich gegen Arm. Letztlich ist es aber ein Duell auf Augenhöhe. Punktgleich liegen der VfL und der FC auf Rang 16 und 17, lediglich getrennt durch das Torverhältnis, das aber mit elf Toren für VW spricht. Es ist also das Duell Reich gegen Arm: 50,25 Millionen gegen 900.000 Euro, wie ein Fachmagazin unter der Woche flugs errechnete. Die Totenkopfträger tragen in der Autostadt dabei Freude und Trauer zugleich in der tätowierten Herzkammer.

Freude über das vom DFB doch noch abgesagte Geisterspiel gegen Werder Bremen: St. Pauli muss das erste Heimspiel der nächsten Saison dafür in einer kleinen Klitsche außerhalb der Stadtmauern austragen - und darf dazu nur knapp 14.000 Zuschauer einladen. Und Trauer über den Abschied von "Mister Totenkopf" Holger Stanislawski zum Saisonende. "Und Stani ging zum Klassenfeind" - seit der "kicker" Ende März über die Kontakte zwischen dem SAP-Milliardär Dietmar Hopp und Stanislawskis Berater berichtete, liegt diese Schlagzeile in den Fußball-Blogs längst auf Halde. Ob es so kommt? Fußball-Blogs lügen nicht. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja: Reich gegen Arm. Wolfsburg und St. Pauli brauchen beide dringend die Punkte. Ein Unentschieden hilft da keinem. VW - FC 0:0.

Wie komme ich jetzt eigentlich auf 1899 Hoffenheim? Ein Mysterium. Marco Pezzaiuoli muss unter anderem ja deshalb bei dem Dorfclub gehen, weil selbst seine Spieler den Namen des Trainers nicht fehlerfrei buchstabieren konnten. Sechs Vokale in einem Nachnamen unterzubringen schafft halt nicht jeder. Aber Eintracht Frankfurt schlagen? Hm. Christoph Daum faselt schon wieder von der Champions League, alten Traditionen und neuen Zielen für die Hessen, die in dieser Saison alles andere als überzeugend auftraten. Dafür nahm er sie im Training halt etwas härter ran. Um sie für den Abstiegskampf zu stählen. Dummerweise hat sein ewiger Co-Trainer Roland Koch dabei wohl etwas überzogen: Jetzt droht auch Torgarant Theofanis Gekas wegen muskulärer Probleme im Oberschenkel auszufallen. Es wäre der siebte überlastungsbedingte Ausfall in gerade mal drei Wochen. Eine stolze Bilanz, die sich auszahlt. 1899 - Eintracht 2:0.

Der 1. FC Köln ist froh, endlich wieder zu Hause antreten zu dürfen. Sieben Heimsiege in Folge scheinen für die Kicker aus der schönen Stadt mit der großen Kirche die Lebensversicherung in der 1. Liga zu sein. Mit den Auswärtsleistungen könnte sich der FC nicht mal in der 3. Liga behaupten. Aber der FC darf ja per Sondergenehmigung des DFB alle 14 Tage daheim spielen. Diesmal auch noch gegen Stuttgart, das zuletzt einen 2:1-Vorsprung gegen Kaiserslautern nicht über die letzte halbe Stunde brachte und noch 2:4 vergeigte. Die Schwaben können alles, außer Abstiegskampf. FC - VfB 3:0.

Die weinroten Teufel des FCK haben sich mit ihren letzten Siegen quasi am eigenen Stutzen aus dem Abstiegssumpf gezogen, sind aber immer noch nur sechs Punkte von der Grasnarbe entfernt. Wollen also weiter punkten. Am liebsten am Betze, am liebsten dreifach. Dumm nur, dass jetzt der 1. FC Nürnberg anreist, der schon sieben Spieltage vor Saisonschluss den Klassenerhalt in der Sporttasche hatte und der hernach das Saisonziel mutig auf Europa ausgedehnt hat. Zwei Punkte fehlen Nürnberg zu Mainz 05, das ja am Freitagabend gegen Gladbach verliert. Es gilt aber in Fachkreisen als schwierig, zwei Punkte in einem Spiel zu holen und dabei auch noch ein Tor Unterschied aufzuholen. Der Club hat also keine Wahl. FCK - FCN 1:4.

Im Topspiel am Samstagabend um 18.30 Uhr haben die Sky-Macher das Spiel SV Werder Bremen gegen Schalke 04 ausgewürfelt. Gar nicht so übel. Die grüne Raute steckt immer noch tief im Schlamassel, trotzdem haben die Bremer Würdenträger in diesen Tagen laut überlegt, einfach mal mit dem glücklosen Trainer Thomas Schaaf zu verlängern. Entgegen aller Marktgepflogenheiten und wider alle Gesetzmäßigkeiten der Branche, wie es immer so schön wie falsch heißt. Ob's hilft? Schalke 04 ist Schalke 04 ist Schalke 04. Und es ist Bundesliga. Werder - Schalke 1:0. Und Horst Heldt? Sitzt auf der Ehrentribüne.

Montag, 11. April 2011

Keine Würfel sind gefallen

Sepp Herberger sagte mal, die Leute gingen deshalb zum Fußball, weil sie nicht wissen, wie's ausgeht. Für die Fußball-Bundesliga stimmt das in ihrer 48. Auflage mehr denn je. Und die Neugier ist nach dem 29. Spieltag nicht direkt kleiner geworden. Die Stadien werden in den letzten fünf Spielen allesamt rappelvoll sein. Ausverkaufter geht nicht. Schließlich sind die meisten Entscheidungen noch nicht mal ansatzweise gefallen. Außer dem Deutschen Meister (nur der BVB) und dem Deutschen Vizemeister (nur der TSV Bayer 04 Leverkusen) steht so gut wie gar nix fest.

Außer, dass der Hannoversche Sportverein von 1896 in der nächsten Saison im Europapokal spielt. Zehn Punkte Vorsprung vor dem 1. FC Nürnberg sollten reichen. Der kleine HSV aus Niedersachsen hielt auf Normalniveau geschrumpfte Mainzer sicher in Schach und demonstrierte beim 2:0-Heimsieg erstaunliche Souveränität. Mainz 05 (45 Punkte) kann keine Unentschieden. Vierzehnmal gewonnen, zwölfmal verloren. So wird das noch mal eng. Zwei Punkte hat der Karnevalsverein noch vor dem Club, drei vor dem HSV und vier vor dem SC Freiburg. Selbst Schalke (39 Punkte) hat als Neunter jetzt nur noch sechs Punkte Rückstand auf den fünften Platz.

Bayern München hat seine Formschwankungen konserviert. Mal hui, mal pfui. Immer wieder. Und immer wieder noch einmal. Und dann knallen alle Sicherungen durch. Beispiel Robben: bereitet erst fein das 1:0 durch Müller vor und holt sich nach dem Schlusspfiff in Nürnberg noch fix die rote Karte wegen Schiedsrichterbeleidigung ab. Beispiel Hoeneß: Tätlichkeit gegen den Trainer mit anschließendem Anspucken im Kabinengang. Verbal zumindest. Louis van Gaal in München - das war offenbar eine Diva zu viel an der Säbener Straße. Ein Missverständnis. Eine Beratungsresistenz. Eine tote Gladiole. Jetzt kommt Hermann Gerland. Endlich. Andries Jonker, van Gaals loyaler Assi, darf ebenfalls noch fünf Wochen bleiben. Muss man nicht verstehen. Nur hinnehmen. Wahrscheinlich wollte der eiserne Hermann das alleine nicht stemmen. Bayern mit klarem Kurs auf den begehrten Cup der Verlierer. Neun Punkte Vorsprung vor dem Club könnten reichen.

Die lustige Liga ist immer noch sauber zweigeteilt. Die ersten Neun mit Ambitionen auf Europa, die letzten Neun mit Angst vor der Provinz. Braunschweig, Aue, Aachen. Die Problemzone beginnt akkurat mit dem zehnten Platz. Neun Punkte klingen viel, gerade jetzt, wo nur noch 15 zu vergeben sind. Aber auch 1899 Hoffenheim (37) ist noch nicht ganz durch. Dabei schien der Retortenklub aus dem Kraichgau im Regionalderby in Freiburg lange auf der Siegerstraße. Wurde aber dann doch nur eine Verlierergasse. Der SC drehte das Spiel in letzter Minute durch ein Schultertor des ausgebooteten Kapitäns Heiko Butscher und siegte noch mit 3:2. Schultertor? Hm. Früher war Schulter Hand. Aber früher wurde auch noch ein Falscher Einwurf abgepfiffen.

Früher war auch der VfL 1900 Borussia Mönchengladbach ein wahrer Serientäter, Titelhamster und Dauersieger. Die 70er sind aber 2011 nicht mehr, nunja, relevant. Siege gegen den Erzrivalen aus Köln hingegen schon. Nach dem 4:0 im Hinspiel fegte Gladbach den FC diesmal mit 5:1 (3:0) vom Platz - und hätte auch 6:1 oder 7:1 gewinnen können. Der Tabellenletzte hat damit etwas fürs, räusper, Torverhältnis getan. Nur sechs Mannschaften haben mehr Tore geschossen als Gladbach. Allerdings hat auch kein Team mehr Gegentreffer kassiert als die ehemalige Torfabrik.

Trotzdem: Gegenüber Pauli hat die große Borussia jetzt ein Tor Vorsprung bei deutlich mehr geschossenen Treffern. Zwei Punkte Rückstand? Darüber decken wir jetzt mal den Mantel des Schweigens. Es keimt also wieder Hoffnung bei den Fohlen. Die im Übrigen vor allem daraus gespeist wird, in den letzten fünf Spielen nicht mehr gegen direkte Konkurrenten antreten zu müssen. Es geht ausschließlich gegen Mannschaften aus der oberen Hälfte. Ein Nachteil? Mitnichten. Schließlich hat Gladbach in dieser Saison am liebsten gegen spielstarke Gegner gepunktet. Köln mal ausgenommen. Aber die sechs Punkte sind ja für den VfL ohnehin in jeder Saison sicher.

Sonst noch? Schalke spielt wie Schalke in der Bundesliga halt spielt. Ein wenig gelangweilt, aber mittlerweile wieder effektiv: 1:0 gegen VW, wo ein besonnener Felix Magath mehr oder minder unbehellig (zumindest von den Schalke-Fans) auf der Bank kauerte. Schalke scheint gerettet, könnte sogar noch an der Europa League schnuppern. Wolfsburg findet die Spur nicht mehr, trotz ESP und ABS. Der VfL steuert zielstrebig und mit Vollgas in Richtung 2. Liga. Navi schon mal programmieren: Braunschweig, Aue, Aachen.

Ebenso wie der FC St. Pauli, der schon lange keinen Platz an der Sonne mehr sah. In Vizekusen führten die Sozialromantiker vom Kiez zwar lange mit 1:0, verloren aber noch 1:2, womit die Freibeuter weiter auf einem Abstiegsplatz kauern. Die Werkself hat dagegen die direkte Champagner-League-Teilnahme jetzt so gut wie sicher. Acht Punkte Vorsprung sollten reichen. Noch oben geht auch noch was? Ach was, ist doch Leverkusen und die werden so oft und sicher Deutscher Meister wie Schalke.

Sonst noch? Ach ja: Kaiserslautern gewann das Topspiel am Samstagabend mit 4:2 in Stuttgart und hat nun sechs Punkte Abstand zwischen Betze und Relegationsplatz geschaufelt. Der VfB bleibt mit zwei Punkten Abstand zum direkten Abstiegsplatz weiter im "Red Alert"-Modus. Weiterhin dabei in der Abstiegsverlosung sind auch Eintracht Frankfurt und Werder Bremen, die sich beim 1:1 gegenseitig zwei Punkte abknöpften.

Moment mal, riecht es hier nach Rauch? Komisch, hab Horst Heldt heute noch gar nicht gesehen.

Samstag, 9. April 2011

Der Platzwart ist das Gesetz

Aus Zeiten, in denen das 'ß' noch funktionierte: Das gute alte Hinweisschild vor den Kabinen.

(Handy-Fotto: Thomas Ottensmann)

Freitag, 8. April 2011

Genauer geht's nicht

Immer wieder schön, auf Paketboten und Handwerker zu warten. Besondere Freude kommt aber auf, wenn es Paketboten und Handwerker in einem sind. Da kann man sich dann Urlaub nehmen, in der Wartezeit eine Fremdsprache lernen oder ein anderes dickes Buch zur Hand, sagen wir mal die Werksausgabe von Hermann Hesse. Die Zeitfenster der Bande sind nämlich nicht gerade auf Kipp geöffnet:

(Screenshot: Thomas Ottensmann)

Tante Irmgard muss warten

Am 29. Spieltag der Fußball-Bundesliga reibt sich die Liga immer noch die Augen. San Siro. Guiseppe-Meazza-Stadion. Inter 2, Schalke 5. Mit einer verstärkten B-Elf. Der letzte Vertreter im europäischen Wettbewerb trägt Königsblau und reimt sich auf Alke. Die Knappen stehen kurz vor dem Einzug ins Semifinale der großen Gelddruckliga. Magath sei Dank. Tschuldigung. Rangnick sei Dank. Oder ist doch Horst Heldt der heimliche Macher des Umschwungs? Man weiß es nicht.
Fast schon lästig, dass am Wochenende wieder ein störendes Liga-Spiel ansteht. Lustig allerdings, dass zu diesem Zweck der VfL Wolfsburg mit seinem neuenalten Coach Felix Magath in die Veltins-Arena kommt, um mit seinem Nachfolgervorgänger Ralf Rangnick und seinem ehemaligen Co-Trainer Seppo Eichkorn freundliche Worte zu wechseln. Dass Alexander Baumjohann seinem Ex-Trainer, der ihn in die "Strafkolonie Albert Streit" (Wolff Christoph Fuss) in die Regionalliga West verbannte, um den Hals fallen wird, gilt als eher unwahrscheinlich. Schalke gegen Wolfsburg scheint von der Papierform her klar. Aber diese Form ist in dieser Saison der unbegrenzten Möglichkeiten bekanntlich das Papier nicht wert, auf dem sie steht. Was will uns der Autor mit diesen Zeilen sagen? Man weiß es nicht. Schalke - Wolfsburg 4:1.

Den Auftakt machen heute unter Flutlicht im ehemaligen Frankfurter Waldstadion, das längst wie eine gelbe Bank heißt, die beiden Kellerkinder Eintracht Frankfurt und Werder Bremen. Der SV Werder zeigte sich zuletzt zwar auf dem Platz stabiler, nicht aber in der Punktausbeute, wo es ja eigentlich maßgebend ist. Beim direkten Tabellennachbarn, der nur einen Punkt hinter den Rautenträgern rangiert, ist ein Dreier so etwas wie ein entscheidender Schritt in Richtung Planungssicherheit. Für die 1. Liga, versteht sich. Sieht Christoph Daum übrigens genauso. Im Falle des Klassenerhalts mit den Hessen verlängert sich sein fürstlich dotierter Vertrag schließlich um zwei Jahre. Und das kostet die Eintracht dann 12 Millionen Euro. Hat halt alles seinen Preis. Eintracht - Werder 2:3.

In Hamburg beklagte sich der juvenile HSV-Coach Michael Oenning zuletzt darüber, dass man bei 4 Grad trainiert habe und dann in Sinsheim bei 28 Grad spielen musste. Warum sollte Wetterfühligkeit unter Fußball-Profis auch kein Thema sein? Eben. Nach dem furiosen 6:2 gegen Köln gab es also ein sehr torloses 0:0 bei 1899. Was den HSV auch nicht direkt weiter brachte. Vier Punkte Rückstand sind es auf den fünften Platz, der bekanntlich für einen Start in der kleinen Gelddruckliga berechtigt. Also müssen wieder Punkte her. Am besten drei. Helmut Schulte sagte mal, dass Fußball ganz einfach und schön sein könnte, wenn nur der Gegner nicht wäre. Könnte auch am Samstag um 15.30 Uhr im ehemaligen Hamburger Volksparkstadion, das längst wie Irgendwas heißt, zutreffen. Es reist der Deutsche Meister (nur der BVB) an. Der zuletzt gegen Hannover aus einem 0:1 in rund vier Sekunden ein 4:1 machte und sich für die Meisterfeiern rüstet, die allen Prognosen nach bis 2014 dauern werden. Dortmund will gewinnen, der HSV will gewinnen. Was kommt also dabei raus? Richtig. HSV - BVB 2:2.

Der SC Freiburg konnte sich nach Bekanntgabe des Trainerwechsels zur nächsten Saison lediglich noch auf drei Wörter verlassen: Papiss. Demba. Cissè. Der Torjäger, dessen lukrativer Wechsel nach der Saison als unvermeidlich gilt, trifft aus den unmöglichsten Lagen mit verblüffender Präzision. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man ihn für einen Schweizer halten. Auch im Heimspiel gegen 1899 soll es die irgendwie einzige Sturmspitze des SC wieder richten. Soll warm werden in Freiburg. Das mag 1899 nicht. SC - 1899 2:0.

In Niedersachsen gab es zuletzt Meinungsverschiedenheiten zwischen einem bekannten Hörrohr-Fabrikanten und einem nicht unbekannten Fußball-Lehrer. Martin Kind will sich in der nächsten Saison mit 96 unbedingt in der Champions League gegen hohes Schmerzensgeld verhauen lassen, Mirko Slomka ist dagegen so clever, lieber gegen ein etwas niedrigeres Startgeld in der Europa League anzutreten und eventuell sogar mithalten zu können.

Aber 96 hat es nicht mehr selbst in der Hand: Einen Punkt und 26 Tore hinter den Bayern liegend müssen die Weinrot-Golden-Schwarzen jetzt nicht nur selbst gewinnen, sondern auch auf einen weiteren Blackout des lustlosen Rekordmeisters warten. Und selbst gewinnen ist am Samstag auch alles andere als einfach: Mainz 05 kommt. Der Karnevalsverein aus Rheinhessen ist allerdings auch weit entfernt von der Euphorie des ersten Saisondrittels, aber immer noch ein starker Gegner - gerade auswärts. Könnte spannend werden. Denn Mainz will seinen Drei-Punkte-Vorsprung auf Nürnberg auch verteidigen, um in der nächsten Spielzeit erstmals europäisch spielen zu dürfen. 96 - 05 2:2.

Es heißt immer, wenn der Club und Bayern München gegeneinander spielen, es käme zum Derby. Wer aber je einen Franken Bayer nannte, der weiß, dass es ganz so einfach nicht ist. Bayern-Derby? Eher nicht. Franken-Derby? Wohl kaum. Es kommt also zum Regionalklassiker zwischen dem Club aus dem mitten in Bayern verorteten fränkischen 1.FC Nürnberg und dem FC Bayern aus der mitten in Bayern liegenden Metropole München. Drei gegen sechs, der Club will im Kampf um die europäischen Startplätze noch mal angreifen. Die Bayern wollen mit nicht vorhandenen Zähnen und Klauen den dritten Platz verteidigen, um auch in der nächsten Saison wieder die Lizenz zum Gelddrucken zu bekommen. Schwieriger Kick beim Club, denn der Underdog ist spielstark. FCN - Bayern 2:1.

Der Fußball-Kneipensender Sky hat ein sicheres Händchen für die Auswahl der Topspiele am Samstagabend um 18.30 Uhr. Mit traumwandlerischer Sicherheit haben die Münchener Macher deshalb für den Samstagabend das Kellerduell VfB Stuttgart gegen den 1.FC Kaiserlautern ausgeknobelt. Beide trennt nur ein Zähler. Beide drohen mit einer Niederlage wieder auf den Relegations- oder sogar zweiten Abstiegsplatz zu rutschen. VfB - FCK 3:1.

Der Fußball-Kneipensender Sky hat ein extrem sicheres Händchen für die Auswahl der Topspiele am Sonntagnachmittag. Häufig genug werden hier Spiele versendet, die die Republik nicht braucht, sagen wir mal Wolfsburg gegen Hoffenheim. Keine Gefahr für die Käsesahnetorte von Tante Irmgards Fünfundsiebzigsten. Nicht so am Sonntag um 15.30 Uhr, wo die Münchener Macher mit traumwandlerischer Sicherheit das rheinische Derby zwischen dem ersten Absteiger VfL 1900 Borussia Mönchengladbach und dem 1.FC Köln ausgelost haben. Tschuldigung, Tante Irmgard, die Torte wird am Sonntag trocken. Gladbach holt in dieser Saison mit großer Beharrlichkeit Punkte, mit denen man nicht rechnet, um die wichtigen hernach großzügig zu verschenken. Köln holt die Punkte nur zu Hause und müsste als schlechteste Auswärtsmannschaft seit es Schokolade gibt eigentlich zur Strafe absteigen. Was aber bei sieben Punkten Vorsprung bei noch sechs ausstehenden Spielen eher unwahrscheinlich ist. Gladbach weiß unter Favre wieder, was Ordnung bedeutet. Und wie süß Heimsiege schmecken. VfL - FC 4:0.

Zum Abschluss des Spieltages serviert uns Sky das himmlische Duell zwischen Bayer 04 Leverkusen und dem FC St. Pauli. Papierform? Klare Sache. Realität? Klare Sache. Bayer 04 - Kiez 5:1.

Donnerstag, 7. April 2011

Dienstag, 5. April 2011

Migrationsvordergrund

Glückwunsch zur erfolgreichen Einbürgerung: Edu wird endlich Brasilianer! Und: Schalke ist nicht Bochum.

Doch, doch, das ist derselbe Spieler, kein Namensvetter!

Neuer Stoff für Spekulationen

Nationalkeeper Manuel Neuer scheint seinen Abschied von den Knappen vorzubereiten. Es heißt, der 25-Jährige habe dem FC Schalke 04 mitgeteilt, dass er seinen bis 2012 gültigen Arbeitsvertrag nicht verlängern will. Weiter heißt es, er stehe schon beim FC Bayern im Wort. 

Manuel Neuer ist kein Dummkopf. Manuel Neuer ist Nationaltorwart - und Urgestein des FC Schalke 04. Er gilt als Kind der Nordkurve, hat die legendäre Vier-Minuten-Meisterschaft von 2001 auf den Stehplätzen im Parkstadion auf Großleinwand miterlebt. Und geheult, wie jeder Blaue.
Manuel Neuer kennt seinen Marktwert. Er weiß, welche Angebote sein Berater seit einiger Zeit zu sondieren hat. Und er weiß, dass er bei den traditionell klammen Knappen in Zukunft – ohne regelmäßige Einnahmen aus der Gelddruckliga namens Champions League – definitiv weniger verdienen kann, als anderswo. Fast überall anderswo.

Deswegen wechselt er – der lieber nicht ins Ausland gehen mag – jetzt wohl zu den Bayern, bei denen er im Wort zu stehen scheint. Wo Jupp Heynckes, einer der größten Neuer-Fans – in der nächsten Saison das Traineramt übernimmt. Manuel Neuer kann sich sein Torwart-Denkmal in Deutschland dort zementieren. Beim Rekordmeister, Rekordpokalsieger, beim Champions-League- und Weltpokalsieger. Und es stimmt: Mit dem FC Bayern besteht sogar die realistische Chance, irgendwann mal wieder die Champion League zu gewinnen.

Manuel Neuer ist kein Dummkopf. Aber er tut gerade das, was Felix Magath auf Schalke zum Verhängnis wurde: Er ignoriert die Fans. Und zwar doppelt: Einerseits werden ihm die königsblauen Verehrer diesen Wechsel zum seit 2001 so verhassten Konkurrenten nicht so schnell verzeihen. Und in München, da wollen sie den Oliver-Kahn-Parodisten erst gar nicht haben, zumindest im Fanblock der Roten. Wir erinnern uns an hunderte Schildchen: "Koan Neuer".

Manuel Neuer, der respektierte und bewunderte Torwart der deutschen Fußball-Nationalmannschaft macht sich mit seinem Wechsel innerhalb der Liga keine Freunde, sondern das Gegenteil. Dabei wäre alles so einfach gewesen: Ein Wechsel auf die Insel, zu Manchester United, hätte sportlich sogar noch bessere Perspektiven gebracht - und finanziell noch viel mehr Geld. Für Schalkes Konto und für sein eigenes. Und die Fans - auf Schalke genauso wie in ganz Deutschland - hätten ihn aus der Ferne einfach weiter verehrt – von der Keeper-Diaspora England mal ganz abgesehen. 

Ist Manuel Neuer vielleicht doch nicht so clever?

The Boss of Tom Joad

Hach. Immer noch ganz groß. Und das Konzert in der Phillipshalle war der Hammer. 

Montag, 4. April 2011

Macht Klimaschutz



...eigentlich satt?

(Handy-Blogpost: Thomas Ottensmann)

Dritte Beine, zweite Luft und ein Vollpfosten

Was ist denn da wieder los gewesen? 14 Tore? In wieviel Spielen, drei? Nein? In acht? Ist die Torfabrik kaputt? Dass Borussia Mönchengladbach eigentlich schon viel zu lange nicht mehr so genannt wird, ist längst bekannt wie gerechtfertigt. Aber der rundeste Ball aller Zeiten flog am 28. Spieltag der Fußball-Bundesliga so selten ins Eckige wie noch nie seit Einführung des Liga-Balls durch Adid.., ähem die Deutsche Fußball-Liga (DFL).

Und das ausgerechnet zum Saisonfinale! Oder liegt das gar nicht am Leder, das längst aus Vollplastik ist? Könnte auch der mentalen Verfassung der sieben Abstiegskandidaten geschuldet sein. Auffallend häufig stehen die Kellerkinder nicht nur in der Tabelle, sondern gleich auch auf dem Platz hinten drin und versuchen, wenn schon vorne nix geht, wenigstens den eigenen Kasten sauber zu halten. Frühjahrsputz verkehrt. Oder so.

Was Recht ist, muss recht bleiben.
(Handy-Fotto: Thomas Ottensmann)

Übereifrige Vollpfosten werfen ihren Müll dann auch schon mal auf den Rasen. Dumm nur, wenn ein Hindernis, sagen wir mal ein handelsüblicher Linienrichter, der längst Schiedsrichter-Assistent heißt, im Weg steht. Wer jetzt wieder behauptet, Pöbeleien und Attacken gegen unparteiische Spielleiter gehörten zum Fußball wie Pyrotechnik, rassistische Sprechchöre, Raufereien und Megaphone, der darf bald alleine mit Polizeibegleitung ins Stadion. Ich verzichte gerne freiwillig.

Der FC St. Pauli steht nach dem 0:2 gegen erstaunlich spielwillige Schalker, aus dem das DFB-Sportgericht am Grünen Tisch ein 0:3, 20.000 Euro Geldstrafe und ein Spiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen wird, vor dem sportlichen Aus. Schon jetzt stehen die Piraten der Liga auf einem direkten Abstiegsplatz. Weil sie momentan alles verlieren, was verloren werden kann. Seit Freitagabend sogar ihre Fan-Ehre. Denn vor dem vollen Bierbecher flogen bereits Feuerzeuge, Münzen und anderer Unfug auf den Rasen. Und nach dem Spielabbruch kamen dann noch diverse bekannte Flugobjekte von den Tribünen dazu, als das Schiedsrichtergespann versuchte, unbeschadet in die Kabine zu kommen. Das mal zur beliebten Verteidigungsstrategie "Das war ein einziger Vollidiot, der sich ins Stadion verirrt hatte."

Mit sportlichem Abstieg kann man am Millerntor umgehen. Ist ja nichts Neues. Aber der Wandel der Fankultur wirkt tiefer. Früher wurde der an der Linie rauchfreie, seinerzeit für Nikotin-Pflaster werbende Löwen-Coach Werner Lorant mit Zigaretten, ganzen Schachteln und sogar Stangen beworfen. Konnte man wenigstens originell und nunja, lustig finden. Heute ist den Mannen vom Kiez das Lachen zumeist vergangen. Fanproteste gegen den Einzug des brutalstmöglichen Kommerzes zwischen Totenkopf, Strip-Logen und der Brause "Kalte Muschi". Vor allem, wenn man auf den Rasen guckt, wo sich Pauli gegen erstaunlich spielfreudige Knappen auf mäßigem Zweitliganiveau abmühte und irgendwie ebenso mut- wie ratlos wirkte. Wie hernach Trainer und Manager. Sieht nicht gut aus für die Braun-Weißen.

Borussia Mönchengladbach ist gefühlt ja schon seit Wochen, ach was, seit Monaten abgestiegen. Der Punkteabstand auf den Relegationsplatz (fünf) wirkt zwar klein, aber der verbleibende Rest an Spielen (sechs) auch. Wer bei den Bayern so leicht gewinnen kann, wie am Samstag, aber nicht mutiger nach vorne spielt, der steigt halt einfach mal ab. So. Auch wenn am kommenden Sonntag wieder drei Punkte dazukommen. Der steigt halt ab. Unnötig. Ärgerlich. Und vermeidbar. Noch ein Verein, der eine Runderneuerung braucht - und keinen schnellen Wiederaufstieg.

Die Borussia braucht junge Spieler mit Potential, am besten aus eigener Nachwuchsarbeit, einen Trainer mit Konzept und pädagogischem Geschick, einen Manager mit Händchen für die passenden Neuzugänge, eine funktionierende Scouting-Abteilung und ein Präsidium mit Fußball-Kompetenz. Raus aus den Siebzigern, rein in die Zukunft. Das geht nicht in zwölf Monaten. So. Damit das mal klar ist. 0:1 ging das Spiel beim FC Bayern übrigens verloren. Der FCB bekleckerte sich auch mal wieder nicht mit Ruhm, verlor aber wenigstens mal nicht, weil Gladbach einfach mal ohne Stürmer antrat. Aber die Saison ist für die Roten ja auch schon seit längerem vorbei. Platz 3 ist nun erreicht, das erklärte kleinste Ziel sollten die Münchner auch erreichen können. Eventuell. Denn mit solchen Leistungen wie am Samstag ist der Rekordmeister auch weiterhin für jeden Blackout gut.

Und Hannover 96 ist ja nur einen Zähler und 81 Tore entfernt. Die Niedersachsen, in den ebenso traditionsreichen wie schäbigen Trikots in weinrot und gold, waren über eine Stunde ein ebenbürtiger, ja vielleicht sogar überlegener Gegner des neuen deutschen Meisters (nur der BVB), aber letzten Endes gab es beim 1:4 vor 80.000 euphorisierten Schwarz-Gelben doch noch richtig Haue. Wer gesehen hat, wie die Rasselbande von Jürgen Klopp innerhalb weniger Minuten den Schalter umlegte und vier Tore vom Feinsten schoss, der kann sich dem Charme dieser Elf nicht entziehen. Egal, welche Farben er sonst so trägt.

Lionel Götze und Kumpels rocken also wieder die Liga. Kriegen die zweite Luft. Gut so. Weitermachen. Bislang sind übrigens 360.000 Kartenbestellungen in der BVB-Zentrale eingegangen. Nein, nicht für die nächste Champagner-League-Saison. Für das letzte Heimspiel des BVB am 14. Mai, wenn DFB-Präsident Theo Zwanziger zusammen mit DFL-Präsident Reinhard Rauball die Salatschüssel in Silber für den Meisterumzug überreichen wird. Für den sich übrigens 3,5 Millionen Menschen angesagt haben. Wer jetzt noch zweifelt, ob die Schale im Pott gut aufgehoben ist, der sollte wirklich mal zum Arzt gehen.

Was vergessen? Ach ja. Ne ganze Menge. Mainz spielt derzeit ungern zu Hause, schaffte aber gegen den SC Cissè noch ein 1:1. Köln gewinnt derzeit gern zu Hause, mittlerweile sogar auch mal unverdient: 1:0 gegen Nürnberg, das aber auch nicht direkt Mammutbäume ausriss. Im absoluten Sky-Topspiel am Samstagabend trennten sich 1899 und der HSV mit dem trost- weil torlosesten Remis der Bundesligageschichte 0:0 und im Sonntagsspiel trennten sich Magath und Daum mit einem allerdings über weite Strecken unterhaltsamen 1:1. Das Duell der Frustrierten zwischen Werder und Stuttgart endete auch 1:1 und hilft keinem so richtig weiter. Und Bayer 04 Vizekusen macht seinem eingetragenen Markenzeichen aller Voraussicht nach mal wieder alle Ehre. Nach dem hauchdünnen 1:0 in Kaiserslautern haben sie jetzt sieben Punkte Vorsprung vor den instabilen Bayern und wirken, nunja, stabil. Sogar mit Ballack.

Sonst noch? Horst Heldt raucht auf der Tribüne nur noch selten, weil er er jetzt hernach wieder allzu oft Interviews geben muss. Die Spieler der Frankfurter Eintracht haben definitiv kein drittes Bein und Inter Mailands Vorfreude auf den Gegner FC Schalke 04 ist ein wenig schaumgebremst.

Cafè Extrabreit

So weit ist es also schon: Da sprechen mich am Samstagmorgen in der Innenstadt doch zwei ältere Damen an, ob ich denn wisse, wo das Cafè Extrabreit sei. Als ich antwortete, das gebe es nicht, weil das ja eine Popgruppe aus den Achtzigern aus Hagen gewesen sei, die übrigens wieder toure, verbesserten sie sich umgehend: Ähem, Cafè Extrablatt. Ja, da vorne, hundert Meter von hier, bitteschön, dankeschön, auf Wiedersehen. 

Ist aber eigentlich gar keine schlechte Geschäftsidee, dieses Cafè Extrabreit. Wird den ganzen Tag nur New Wave, Punk und frühe Neue Deutsche Welle gespielt. Neonröhren unter der Decke, die Wände schwarz oder braun, überall mit Konzertplakaten und Flyern beklebt, Graffitis dazwischen. Die Bedienung abwechselnd in neongrün, -gelb und -pink, mit weißen Nietengürteln über der rot-schwarz gestreiften Röhre, die in Basketballstiefeln endet (wahlweise auch für Mädchen mit Leder-Minirock, Netzstrümpfen und Laufmaschen kombinierbar. 

Die Frisur (stumpfschwarz, wasserstoffblond mit dunklem Haaransatz oder leuchtend pink) unbedingt strohig-strubblig, asymmetrisch und verschnitten, eventuell noch ein Hundehalsband zum kragenlosen T-Shirt mit Knopfleiste. Darüber eine olle Lederjacke, auf dem hinten ein großes A eingekreist ist. Cafè Extrabreit - zurück in die Achtziger. Hm. Lieber nicht.

(Foto mit dem ehemaligen Tagesschau-Sprecher Werner Veigel gefunden auf und verlinkt mit: ichwillspass.de/)