Sonntag, 2. Mai 2010

Von Osterhasen und schwarzen Koffern

Der 33. Spieltag der Fußball-Bundesliga war mal wieder bestens dazu geeignet, sich das Wochenende - und dann noch das erste im Wonnemonat - mal wieder richtig zu versauen. Entschuldigung. Wenn's aber nun mal so ist? Außer, wenn man Bayern-Fan ist. Oder Bremer. Selten an einem Samstag um 17.17 Uhr so viele lange Gesichter gesehen. Auch im Spiegel. Neben der irgendwie recht uninteressanten Tatsache, dass der FC Bayern München seine 79., pardon 84. Deutsche Meisterschaft mit lächerlichen Tänzchen auf dem Platz und einem entfesselten Breitgrins-Wettbewerb in der Chefetage feierte und Werder auf Schalke Ähnliches praktizierte - obwohl hier der Qualifikationsplatz für die
Geldspeicher-Liga noch gar nicht endgültig (zwei Punkte und vier Tore Vorsprung vor Leverkusen) in trockenen Tüchern ist, offenbarte der Blick in südlichere Tabellenregionen mal wieder Erstaunliches.

Beispielsweise, wie gut eine Mannschaft spielen kann, wenn sie von einem Trainer erlöst wurde, der mehr oder weniger erwachsene Männer mit kurzen Hosen und Stollenschuhen als "Osterhasen" beschimpfte: Der VfL Bochum lieferte die seit Wochen ordentlichste Leistung bei seiner 1:3-Niederlage in München ab. Was den selbst ernannten Unbeugsamen aber im Abstiegskampf lediglich die Anerkennung der mitgereisten 6000 (!) Fans und den Verlust des Relegationsplatzes einbrachte. Was auch wieder nichts zur Sache tut. Denn Hannover 96 ist jetzt zwei Punkte entfernt auf dem sicheren 15. Tabellenplatz und ein Tor besser. Heißt im Klartext: Im letzten Saisonspiel an der Castroper Straße kann sich der VfL Bochum mit einem Sieg gegen 96 in die Relegation retten. Punkt. Und vielleicht sogar mit einem Unentschieden - aber nur, wenn der 1.FC Nürnberg auch das letzte Heimspiel gegen Köln vergeigt.

Apropos Nürnberg. Lustig, mit wie viel Einsatzwillen und Kampfstärke ein Abstiegskandidat in sein vorletztes Auswärtsspiel gehen kann. Viel erstaunlicher aber die Hamburger, frisch zum zweiten Mal in Folge im Halbfinale aus der Europa League geflogen. Da konnten diejenigen HSV-Fans, die sich gerade mal nicht untereinander prügelten, nur staunen, wie gut eine Mannschaft kicken kann, die von einem Trainer befreit wurde, der eigentlich mündige Erwachsene wie Schulkinder bevormundete und dem der Sitz der eigenen Frisur und des Sommerschals immer wichtiger schien, als die Einstellung seines Teams. Und die eigentlich platt sein müsste - 42 Stunden nach der deprimierenden 1:2-Niederlage in Fulham. Der HSV kickt wie im Training und gewinnt locker und hoch verdient mit 4:0 und Nürnberg hat sich mal eben kurz vor Toreschluss nicht nur auf einen Relegationsplatz runterreichen lassen, sondern dabei auch noch ruckzuck im Vorbeigehen das Torverhältnis versauen lassen. Lustig, wie sich solche Profis, die nach Toren gerne mal das Vereinslogo auf dem eigenen Trikot küssen, sich manchmal auf dem Platz präsentieren!


Solange sich Mannschaften und Vereine durch eine sensationelle Leistungs-Verweigerung nur selbst schaden, sagen wir mal in Renommee und der eigenen Platzierung - oder wenn sie einfach nur so schlecht wie möglich spielen, um einen ungeliebten Fußball-Lehrer los zu werden (vgl. auch das wunderbare 1:5 des HSV vor Wochenfrist bei 1899, also in Hoffenheim, wo der lustlose Fußball in den letzten zehn Wochen bekanntlich in Reinkultur zelebriert wurde), kann man ja nicht direkt von Wettbewerbsverzerrung sprechen.

Wenn aber eine Mannschaft gegen einen im tiefsten Abstiegssumpf steckenden Verein einfach mal die Tore öffnet und Nullkommanull (hoch geschätzt) Gegenwehr bietet, dann hätte den interessierten Beobachter auch ein dicker, schwarzer Koffer neben der Trainerbank, wo ein seltsam unbeteiligt wirkender Fußball-Lehrer mit Raute auf dem Trainingsanzug kauerte, nicht mehr direkt verwundert. Aber selbst, wenn im Kosovo oder in Shanghai die Bundesliga-Groteske Hannover 96 - Borussia Mönchengladbach nicht mit 6:1 und astronomisch hohen Gewinnquoten von Menschen in Maßanzügen und Goldkettchen am Handgelenk getippt wurde, bleibt das Gesehene eine Unverschämtheit, die mit den Attributen "peinlich", "dreist" und "unterirdisch" nicht annähernd beschrieben ist.

Man sollte in der DFL mal über Konventionalstrafen nachdenken, die solche Leistungen am Grünen Tisch im Nachhinein abstrafen können. Geldstrafen in der doppelten Höhe der Bestechungsgelder plus Punkteabzug und Lizenzauflagen wären toll. Gladbach hätte nach diesem desaströsen Auftritt zehn Punkte und zehn Tore Abzug verdient. Wäre gerecht und lustig zugleich. Dann hätte Gladbach 28 Punkte und minus 27 Tore - und fände sich punktgleich mit Nürnberg auf dem Relegationsplatz wieder. Das wäre dann ein tolles Saisonfinale gegen Leverkusen am nächsten Wochenende. Mit Angst, Zittern und nervösem Augenzucken des Fußball-Lehrers und allem zipp und zapp. Würde einem Michael Frontzeck recht geschehen, der doch die Dreistigkeit besaß, abzustreiten, dass sich seine Mannschaft habe hängen lassen. Das sähe anders aus, meinte er allen Ernstes - zumindest nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen. Wie genau das dann aussehen würde, möchten sich die Fans lieber nicht vorstellen. Himmel! Und die Nachfrage des Reporters zum Thema Wettbewerbsverzerrung kommentierte der Borussia-Trainer mit "Da kann ich nur lachen". Da war er ganz allein. Lustig.

Apropos Borussia. Auch die falsche Borussia brach sich mal wieder zu Hause den Finger in der Nase. Der BVB hätte zwar gegen Wolfsburg gewinnen können, stimmt schon. Aber Dortmund hätte auch verlieren können - wie das gegen Mannschaften, in denen Grafite, Dzeko und Misimovic spielen, eigentlich immer möglich ist. Dass das Spiel letztlich nur 1:1 ausging, lag an den beiden großartigen Torhütern Weidenfeller und Benaglio. Dortmund versuchte in der eigenen Fußball-Oper mit seinen Fans eine tolle Saison mit der vor im August 2009 eigentlich nicht zu erwartenden Qualifikation für die Europa League zu feiern und tat sich beim Tänzchen hernach recht schwer - und die Bilderaus Dortmund ähnelten fatalerweise denen auf Schalke, wo auch niemand vor der Saison mit der direkten Quali für die Champions League rechnete, wo aber die mal wieder geplatzten Meisterträume für die vorherrschende Gefühlslage "Enttäuschung" sorgten, jeder Verzweiflungs-La-Ola zum Trotz.

Was vergessen? Ach so: Hertha BSC hätte 4:1 in Leverkusen gewinnen können, schaffte aber nur ein 1:1 und ist als deutlich spielstärkste Mannschaft der letzten fünf Teams einen Spieltag vor Ende jetzt definitiv und endgültig und wirklich, wirklich abgestiegen. Aber mit einer solch waghalsigen Hinrunden-Bilanz war irgendwie auch nichts anderes zu erwarten. Trotzdem doof, wenn man in einer Saison absteigt, in der 32 Punkte für den Klassenerhalt reichen. Und in der man in der Rückrunde so manches Mal für Angst und Schrecken auf des Gegners Platz sorgte (vgl auch den 5:1-Sieg in Wolfsburg). Noch was? Stimmt: Der HSV ist nach dem überraschenden Punktverlust des VfB Stuttgart gegen Mainz wieder mittendrin statt nur dabei, in diesem Rennen um den letzten Platz in der Europa League: Drei Punkte weniger und fünf Tore mehr hat der HSV auf dem Konto, so dass auch diese Entscheidung erst am letzten Spieltag fällt. Alles andere? Trainingsspiele.

(Foto Koffer gefunden auf und verlinkt mit: stonelux-shop.de/)
(Foto VfL-Bochum-Osterhase gefunden auf und verlinkt mit: shop-021.de/)

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